Stuttgarter Zeitung 25.06.2005
Wer sein Kanu selbst fabriziert, muss schleifen, schleifen und nochmals schleifen

Eigenbau ahoi!

Von Hans Jörg Wangner

Manche Vorgaben können einem auf den Senkel gehen. "Sauber abschleifen" gehört dazu. Und das muss man ganz schön oft, wenn man ein Kanu baut. "Jetzt warten, bis der Leim hart ist, dann spachteln und sauber abschleifen", sagt Roland Hess zum Beispiel. Oder: "Nach dem Laminieren sauber abschleifen und dann lackieren.

Zwei Informationen müssen jetzt wohl nachgeliefert werden. Erstens: in Roland Hess' Stuttgarter Holzkanu Museum kann man auch als blutiger Laie Leistenkanus bauen (oder Sperrholzboote oder Schaukelpferde oder skandinavische Messer mit Damastklingen oder sonst was). Und zweitens: Abschleifen ist ein echtes Mistgeschäft. Die Laune will einem ziemlich trübe werden, wenn der Roland wieder mit seinem "sauber abschleifen" daherkommt. Es spielt auch keine Rolle, ob man von Hand oder mit der höllisch lauten Maschine arbeitet. Schleifen ist Strafarbeit - von den Grob-, Mittel- und Feinstäuben mal ganz abgesehen.

Wie gut, dass der Roland stets gelassen bleibt. Der gelernte Steinbildhauer und Energieanlagenelekroniker kann damit umgehen, wenn seine Kundschaft quengelt, weil ein Arbeitsgang nicht klappen will oder ein bisschen mühsam ist. Vor neun Jahren hat der 45-jährige seinen Job an den Nagel gehängt und sich mit dem Holzkanu Museum selbständig gemacht. Seither sind in seiner Werkstatt unter anderem drei, vier Dutzend Boote entstanden, vom einfachen Sperrholz-Eineinhalbsitzer über Leistenkanus und -kajaks bis zu Allroundbooten wie dem Prototypen Ørret, mit dem der Starkoch Vincent Klink jetzt über den Bodensee schippert.

Im Prinzip ist ein Boot ganz einfach aufgebaut: Über Schablonen, die auf ein Gestell geschraubt sind, werden mit PU-Kleber Holzleisten geleimt, bis der Rumpf seine Form hat. Am Anfach geht das recht zackig, bis zu drei Leisten kann man auf einmal einsetzen und mit Schraubzwingen, später mit Schnüren fixieren. Sobald der Bauch des Bootes sich zu schließen beginnt, wird's kitzliger: Jetzt müssen die Hölzer so zugesägt werden, dass sie vorne und hinten wie bei einem Fischgrätenmuster zusammenpassen. Was folgt, kann man schon ahnen: "sauber abschleifen", beziehungsweise mit einer Ziehklinge in Form bringen (was kein bisschen weniger mühsam ist), Glasfaser und ordentlich Epoxidharz drauf. Das ist zwar nicht gerade gesund, aber man macht so was ja auch nicht alle Tage.

Der Rumpf wird nun von außen lackiert (er muss vorher bloß noch sauber abgeschliffen werden), die Schablonen kommen raus, das Boot wird umgedreht, und die gleiche Prozedur beginnt von innen. Damit es nicht langweilig wird, ist die Innenseite ungleich schwieriger zu bearbeiten (und wer beim Abschleifen nicht aufpasst, sieht nachher aus, als habe er im Brennnesselfeld Brombeeren geerntet); außerdem müssen die Innenausbauten gemacht werden.

Viel Freude macht das Herstellen der Sitze - nicht, weil die Frau ursprünglich Hilfe zugesagt und dann nicht geleistet hat, sondern weil man dabei das Flechten lernt. Entweder glauben einem die Leute nicht, dass man das ganz alleine hingekriegt hat, oder sie sagen: "Prima, dann kannst Du ja auch den alten Stuhl von meiner Oma neu beziehen" - kein Problem, wenn man mal zehn, fünfzehn Stunden Zeit hat.

Mindestens drei Dutzend verschiedene Arbeitsgänge sind für ein Holzkanu notwendig. Hier nur eine Auswahl: man muss sägen, hobeln, spachteln, bohren, schleifen, laminieren, flechten, leimen, raspeln, Hölzer biegen, lackieren (hatten wir schleifen schon?), ölen, feilen, schrauben, mit Hammer und Stechbeitel arbeiten, klammern, polieren und, und, und. Da fließt auch schon mal Blut oder ein Stück Fingernagel fehlt, weil der Minihobel etwas zu viel Schwung drauf hatte. Aber unterm Strich macht es eine Menge Spaß.

Wobei der Spaß nicht gerade billig ist: Das Material für ein 5,30-Meter-Kanu aus Rotzeder kostet um die 1600 Euro (Fichte ab 850 Euro), die Werkstattgebühr beträgt 500 bis 700 Euro - und dann braucht man ja auch noch Zubehör. Die 3000er Marke ist da nicht mehr fern. Wem das zu viel ist und wer auch nicht rund 300 Stunden Arbeitszeit aufbringen kann, dem sei für den Anfang ein Sperrholzboot (ab 140 Euro) empfohlen. Zum nächsten runden Geburtstag kann man sich ja von der Frau einen gut Teil der Kosten für ein echtes Kanu schenken lassen (das hat den Vorteil, dass daheim die Proteste gegen ständige Werkstattabende nicht überhand nehmen). Außerdem freuen sich alle, wenn sie mitfahren dürfen - auch die Frau, die ein bisschen am Lack rummäkelt. Damit hat sie zwar Recht, aber für die erste Saison tut's auch ein Boot mit Nasen und Macken. Im Winter wird alles sauber (!) abgeschliffen und neu lackiert. Aber für's Erste lässt man's jetzt erst mal selber sauber schleifen.

 www.holzkanumuseum.de, 0711 / 2 56 93 65



Esslinger Zeitung 27.09.2004
Deutschlands einziges Birkenrindenkanu

Roland Hess betreibt seit drei Jahren ein sehenswertes Holzkanumuseum in der Mönchstraße 22

Stuttgart. Klein aber fein ist das Holzkanumuseum in der Mönchstraße. Nicht die Größe der Räumlichkeiten, sondern der Wert der Exponate machen es unverwechselbar. Seit drei Jahren betreibt Roland Hess sein Hinterhofmuseum in Stuttgart-Nord.

Von Stefan Siegle

Kaum ein Fingerbreit Platz ist an Wänden und Decken in der ehemaligen Lagerhalle einer Putzfirma. Hatten früher Behälter mit Reinigungsmitteln und dazugehörige Maschinen den Raum beherrscht, so sind es heute Holzkanus, Kajaks und Faltboote jeglicher Art. In Glasvitrinen liegen restaurierte und blank polierte Seitenbordmotoren, Schiffsschrauben und Zubehörteile. Auf der Fläche einer Wohnung drängen sich 100 Jahre alte Holzkanus aber auch Holzgerippe, mit Schraubzwingen verspannt, denen man sofort ansieht, was aus ihnen werden soll. Die Entscheidung allerdings, ob man sich hier nun in einer Werkstatt befindet oder in einem Museum, fällt schwer. Im normalen Alltag ist natürlich von der gesamten Sammlung nur ein Bruchteil zu sehen, sagt Roland Hess. Zwölf Faltboote, darunter die berühmten Klepper, sind in seinem Besitz und etwa 20 Holzboote, hauptsächlich Kanus, das älteste stammt aus dem Jahr 1919. Der 50 Jahre alte Jollenkreuzer im Hof wartet noch auf die Restaurierung. Ein Hingucker ist das einzige funktionstüchtige Birkenrindenkanu in Deutschland, mit zehn Jahren vergleichsweise jung. Wenn sich Gruppen für eine Führung anmelden, ändert sich jedoch das Bild schlagartig. Dann wird aus der Werkstatt im Handumdrehen ein richtiges Museum mit Objekten und Schautafeln. Bis zu zwei Stunden Zeit für eine Führung sollte man schon mitbringen, sagt Hess.

Denn als Museumschef liegt dem 44-Jährigen nicht nur die Präsentation der seltenen Stücke am Herz. Die völkerkundliche Geschichte der Holzkanus oder -kajaks ist ihm mindestens genauso wichtig. Sogar dem Linden-Museum hat der Experte sein Wissen zur Verfügung gestellt. Besucher erfahren bei Hess so nebenbei, dass Kanadier ein Unwort ist und nur ein Kajak bezeichnet, das aus Kanada stammt. Viel interessanter dagegen sind die Geschichten, die Hess über die Ureinwohner der Aleuten am Westzipfel Alaskas zu erzählen weiß. Mit einer Rekonstruktion ihrer Kajaks, den Baidarkas, will er diese Kultur vor dem Aussterben bewahren.

Dem ausgebildeten Steinbildhauer und Elektroniker Hess ist der Bau und die Präsentation von Holzkanus nicht in die Wiege gelegt. Eine frühe Leidenschaft galt freilich dem Schiffs- und Flugmodellbau. Vielleicht der Keim für seine heutige Tätigkeit. Seit 1996 zeigt er in Kursen, wie Holzboote gebaut werden. Aus den Vereinigten Staaten ließ er sich eigens dafür Baupläne schicken. Irgendwann hat mir die Qualität dieser Boote nicht mehr ausgereicht und ich begann, sie selbst zu entwerfen. Heute sind Kurse und Bootsbau die Haupteinnahmequelle. Sein Fachwissen hat für guten Ruf nicht nur in Fachkreisen gesorgt, es reichte sogar zu einem Eintrag im Who's Who. Hess verkauft Outdoor-Ausrüstung und gibt die Fachzeitschrift Trifactum heraus. 80 Prozent seiner Kunden stammen indes aus der Kanuszene, Starkoch Vincent Klink bildet daher die Ausnahme. Er bestellte bei ihm ein Ruderboot. Und ein Geschäftsmann erfüllte sich den Jugendtraum Holzkanu. Doch das hat er dann über seinen Schreibtisch gehängt, für das Paddeln sei er nämlich zu alt.

Holzkanumuseum, Mönchstraße 22A, Telefon 256 93 65
www.holzkanumuseum.de



Stuttgarter Zeitung 01.09.2003
Ferientrips zu Musen und Museen (31): Roland Hess hat in der Mönchstraße ein Holzkanumuseum eingerichtet - Gefragter Experte mit Eintrag im Who's who

Die weite Welt der Kanuabenteuer in der Stuttgarter Hinterhofwerkstatt

Ob nun aus Politfrust, Sparsamkeit oder Heimatliebe - viele Bürger der Region Stuttgart tun es dem Kanzler gleich und urlauben zu Hause. Damit es aber dabei nicht langweilig wird, bieten wir eine Serie voll hübscher Attraktionen: lauter kleine Museen mit großem Angebot.

Von Hans Jörg Wangner

Das Fernweh lebt im Hinterhof. Eine Werkstatt, in der früher mal Autos lackiert wurden, ein ehemaliges Lädle, ein einstiger Aufenthaltsraum für Mechaniker, insgesamt kaum mehr als 100 Quadratmeter. Und über allem der Hauch von Freiheit und Abenteuer: Roland Hess hat in der Stuttgarter Mönchstraße vor zwei Jahren sein Holzkanumuseum eröffnet. So beschränkt der Platz ist, so vielfältig sind die Exponate. Man sollte sich beim ersten Anblick nicht täuschen lassen: "Unter eineinhalb Stunden", sagt der 43-Jährige, "geht bei einer Führung gar nichts."

Dass er ein bisschen ab vom Schuss ist, weiß Hess wohl. Und so sind es vor allem Insider aus der Kanuszene, die den Weg zu ihm finden - nicht nur der antiken Stücke wegen, sondern auch, weil Hess mit Outdoorartikeln handelt und vor allem, weil er in Kursen zeigt, wie man sich ein Kanu selber bauen kann. Experte hin, Laie her: spannende Geschichten hat Hess auch für Besucher zu bieten, denen der Unterschied zwischen dem (offenen) Kanu und dem (geschlossenen) Kajak nicht so geläufig ist.

Da ist etwa das Gerüst einer Baidarka, wie sie die Ureinwohner der Aleuten zum Jagen in der rauen See am Westzipfel Alaskas verwendet haben. An Land eher ungelenk, müssen diese Menschen in ihren Booten wahre Bärenkräfte entwickelt haben. Anthropologische Untersuchungen der Knochen haben ergeben, dass Leistungsspitzen von vier PS möglich waren, sagt Hess.

Diese physische Stärke in Verbindung mit einer ausgefeilten Hydrodynamik (dem seemännischen Pendant zur Aerodynamik) haben es ermöglicht, dass die Baidarkas schneller durchs Wasser glitten als Segelschiffe. Weil großflächige Paddel angesichts des starken Windes die Kentergefahr erhöht hätten, machten sich die Menschen beim Antrieb das Prinzip der induzierten Wirbel zunutze. Das heißt, sie hatten extrem kleine Paddel, die dank der Wirbel aber unter Wasser mächtig Vortrieb leisteten. Von den Russen wurden diese Menschen versklavt, zur Seeotterjagd gezwungen und im Lauf der Zeit ausgerottet.

Die Folge: das Geheimnis der Baidarka mit ihrem charakteristischen Doppelbug und dem flexiblen Gerippe ging fast verloren, nur einige wenige Skizzen zeigen den Aufbau dieser Boote. In enger Zusammenarbeit mit Rudi Cooijmans, einem gelernten Kfz-Meister, ist der Museumschef dabei, solch ein Gefährt zu bauen. Und auch Roland Hess' Freundin Julia Stratil kann Fachwissen beisteuern: Als Bauingenieurin mit Spezialgebiet Tragwerkkonstruktion kennt sie sich dabei aus, ein Gerippe zu bespannen.

Nur eines ist den Experimentalarchäologen klar: auf das Kraftpotenzial der ursprünglichen Baidarkafahrer wird ein Mitteleuropäer beim besten Willen nicht kommen. Da kann er noch so lange trainieren. Immerhin: Mit der Berta Epple könnte die Baidarka mithalten, denn 15 bis 17 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit sind durchaus drin, sagt Hess - und schneller als 18 darf auf dem Neckar ohnehin nicht gefahren werden.

Das geballte Fachwissen des gelernten Steinbildhauers und Elektronikers hat einen ganz einfachen Hintergrund: "Wenn ich etwas mache, dann richtig", sagt er und erzählt, wie er systematisch Literatur wälzte, wie er mit Museen und Universitäten in den Vereinigten Staaten Kontakt aufnahm und wie er seine schon früh erworbenen Kenntnisse im Bootsbau immer mehr vertiefte. So ist er heute auch Mitglied in der Wooden Canoe Heritage Association, der Baidarka Historical Society und der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Und sein Fachmagazin Trifactum, das er als Chefredakteur leitet, ist ein Forum für alle Fragen rund um das Holzboot. Alles in allem habe ihm sein Engagement sogar einen Eintrag ins Who's who eingebracht, erzählt Hess, der auch im Linden-Museum als Experte geschätzt wird.

So habe er einmal Modelle von Inuitbooten begutachtet, von denen im Prinzip nicht sehr viel mehr bekannt war als die dürre Information Kajak, Nordamerika, 19. Jahrhundert, und dass sie für Kinder beziehungsweise für den Handel hergestellt worden waren. Bis Hess gefragt wurde: Teilweise fast bis auf die Siedlung genau habe er bestimmen können, woher die Stücke stammten. Am Ende hat sein Wissen eine Sonderausstellung im Linden-Museum ermöglicht.

Doch nicht nur der ethnologische Aspekt der Holzboote interessiert Roland Hess, sondern auch das Kanufahren als Freizeitbeschäftigung. Ein großer Bereich der Ausstellung ist deshalb den Booten gewidmet, die in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Kanada nach Deutschland exportiert wurden und die daher ihren in Fachkreisen verpönten Namen haben: "Kanadier", sagt Hess, "ist eigentlich ein Unwort."

Wie dem auch sei: Im Berlin der 20er und 30er Jahre gehörte ein Boot sozusagen zum guten Ton. Man hatte eines, um sonntags auf der Spree oder auf den Seen herumzuschippern. Diesem Vergnügen sind im Museum eine Menge Exponate gewidmet. Nicht nur ältere und neuere Wasserfahrzeuge, Renn- und Wanderkajaks sowie legendäre Faltboote aus dem Hause Klepper, sondern auch Freizeitartikel wie Lampen, Campingkocher und Kameras finden sich in der Mönchstraße, dazu eine ganze Vitrine voll mit antikem Werkzeug. Und nicht zu vergessen eine Sammlung von so genannten Seitenbordmotoren, wie es sie nach den Worten von Roland Hess kein zweites Mal geben dürfte: kleine Motörchen der Schnapsglasklasse, mit denen man gemütlich durch den Spreewald tuckern konnte. Ein Wettrennen gegen eine originalbesetzte Baidarka wäre damit natürlich aussichtslos gewesen . . .

Wen angesichts dieser ganzen Schätze die Lust auf ein eigenes Kanu packt, der ist bei Roland Hess ebenfalls an der richtigen Adresse. In seinem Canoe and Paddle Store werden Holzboote nach individuellen Vorgaben entworfen und gebaut, darüber hinaus gibt es bei ihm die Möglichkeit, sich sein eigenes Kanu selber zu bauen. Zu den Interessenten zählen 13-jährige Schüler ebenso wie erwachsene Männer, die sich den Jugendtraum ins Arbeitszimmer hängen wollen. Sogar eine 83-jährige Dame hat schon mit einem selbst gemachten Holzkanu geliebäugelt - bisher hat sie unter Roland Hess' Anleitung alte Möbel restauriert, neue gebaut und auch schon Messer hergestellt.

Der Einsatz von Epoxidharz macht's möglich, dass auch Anfänger robuste und formschöne Boote bauen können - komplizierte Arbeitsgänge fallen nämlich dadurch weg. "Böse ausgedrückt", sagt Roland Hess und grinst ein bisschen, "hat man dann eine Plastikhaut mit Holzkern." Immerhin: das Ergebnis sei stabiler als ein Kunststoffboot und auch sehr kratzfest.

Ein anderes Beispiel für Roland Hess' Pragmatismus dürfte ihn von den allermeisten anderen Museumsleitern unterscheiden: eine Zeitlang hatte er einen ziemlich großen Kahn in seinen Beständen, der nach 30 Dienstjahren der älteste seiner Art gewesen war. Doch weil das Holz zusehends verfaulte, hat Hess das Boot kurzerhand zum Brennstoff erklärt und Stück für Stück sein Museum mit ihm geheizt.



Ludwigsburger Kreiszeitung 22.10.1999
Messe "Holzboot 99" mit Schau "Vom Lumpenkreuzer zum Olympiaboot"

Vor der Halle wird Gold gewaschen

Marbach. Die Holzboot "99", eine Fachmesse für Kanus, Kajaks und Kleinboote, findet von Freitag bis Sonntag in der Stadthalle statt.

Edle Holzkajaks und -kanus stehen im Mittelpunkt dieser, bereits über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Veranstaltung. Diese wird von diesem Jahr an um die Bereiche Ruder- und Segelboote erweitert.

Ein ganz besonderer Anziehungspunkt soll die Sonderausstellung "Vom Lumpenkreuzer zum Olympiaboot" sein, bei der es seltene Exponate aus Europas umfangreicher Faltbootsammlung zu sehen gibt.

Die "Holzboot 99" informiert auch über alle Facetten des Kleinbootbaus. Ein großes Angebot an Selbstbauinfos, Bootszubehör und Ausrüstung runden die Veranstaltung ab. Auf dem Freigelände gibt es weitere Informationsstände vor einer Zeltkulisse. Dort kann man unter Anleitung Gold waschen.

Die Fachmesse ist am heutigen Freitag von 12 bis 20 Uhr, am Samstag von 9 bis 22 Uhr und am Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Für Kinder gibt es an allen drei Veranstaltungstagen eine Mal- und Bastelecke.



Stuttgarter Zeitung 16.11.1998

Fachsimpeln zwischen Zedernkanu und gekröpftem Wanderpaddel

Wer als Skipper auf dem Neckar nach Marbach kommt, darf hier sein Boot nicht festmachen: Der mehr als 1000 Jahre alte Ort am Fluß hat bis heute keine Liegeplätze für Freizeitkapitäne. Trotzdem ist Marbach in jüngster Zeit zum Treffpunkt von Bootsfahrern geworden. Sie benutzen nicht die Wasserstraße, sie bevorzugen den sicheren Landweg, um an Holzkanu-Treffen teilzunehmen, die Gleichgesinnte aus allen Teilen Deutschlands zusammenführt. Diesmal trafen sich Bootsbauer, Freizeitpaddler und Freunde der Indianerkunst abseits des Wassers, droben auf der Schillerhöhe, um über Tourenkanadier und Whitehall-Ruderboote, faltbare Baidarka und gekröpfte Wanderpaddel mit ergonomischen Griffen zu fachsimpeln. Was Profism Hobbybootsbauer, Abenteuerurlauber und Modellbauer zwischen altbewährtem Einbaum, immer noch hochgeschätztem Birkenrinden-Kanu und leichtem Kajak in moderner Leistenbauweise vereint, ist die Liebe und das Verständnis für handwerklich sorgfältige Arbeit mit edlen Hölzern. Und natürlich die Kulturgeschichte des Bootsbvaus, die sich in Nordamerika auf eine mehr als 5000 Jahre Vergangenheit beruft. Von den ersten Felsenzeichnungen, die bei den Großen Seen in Kanada gefunden wurden, bis zum heutigen Kanubau gibt es eine kontinuierliche Entwicklung, die nicht von großtechnischen Innovationen vorangetrieben wird, sondern von Erfahrungen, die Menschen im Umgang mit Wasser, natürlichen Materialien und physikalischen Grundgesetzen sammeln.



Stuttgarter Zeitung 24.09.1996
Holzkanu-Treffen in Marbach

Selbstgebaute Schönheiten

"Es war ein Kindheitstraum von mir, ein Kanu selbst zu bauen." Markus Lang aus Österreich hat vor sieben Jahren seinen ersten Kanadier gezimmert. Zum Holzkanu-Treffen, das am Wochenende zum ersten Mal auf dem Gelände des Marbacher Rudervereins stattfand, ist er mit seinem dritten selbstgebauten Boot angereist. Der Tischler präsentiert es stolz wie ein Vater: Sein "Prospector" ist fünf Meter lang, hat eine Breite von 92 Zentimetern, eine Höhe von 63 Zentimetern und ein Gewicht von 30 Kilogramm.

Ob Mannschaftskanadier für acht Paddler oder Mini-Kanu mit einem Federgewicht von drei Kilogramm - die Mehrzahl der 20 schwimmenden Schönheiten, die am Neckarufer aufgereiht sind, haben eine Gemeinsamkeit: sie sind handgezimmert. Denn wer in Flüssen und Seen mit einem Kanu aus Holz paddeln will, wird in Deutschland - mangels Angebot - oft zum Selbstbauer, hat Roland Hess die Erfahrung gemacht. Er hat das Treffen als Informationsschau mit zwölf Ausstellern organisiert.

Ein Kanubauer benötigt vor allem Platz. Ein Raum von mindestens fünf Meter Länge ist die Voraussetzung dafür, daß ein Kanu mit einer Durchschnittslänge von vier Metern entstehen kann. Die Arbeitsschritte hören sich - in der Theorie - kinderleicht an: Über einem Grundgerüst werden Hilfsspanten montiert, die als Schablonen für die spätere Rumpfform dienen. Über die Spanten heftet der Schiffsbauer Holzleisten, die miteinander verleimt werden. Ist die Rumpfschale fertig, wird durchsichtiges Glasfasergewebe über das Holz gezogen, damit durch mögliche Risse kein Wasser dringen kann. Beim vorletzten Arbeitsschritt wird eine Abschlußleiste - der sogenannte Süllrand - an der Oberkante des Bootes befestigt. Schleifen und lackieren, nach zwei Tagen kann das "zweckgebundene Nutzfahrzeug der Indianer" fertig sein.

Die Ureinwohner Amerikas, die im Gebiet der Großen Seen lebten, waren die ersten Kanubauer, erzählt Roland Hess. Sie fertigten ihre Boote aus Birkenrinde, die über ein Holzgerippe gespannt wurde. Die Siedler vertrieben jedoch die Ureinwohner und verloren damit das Wissen über den Kanubau. Doch auch die Weißen benötigten leichte Boote, die sie von einem Flußsystem zum nächsten tragen konnten. Die Kähne indes, die nach europäischer Art gezimmert wurden, waren zu schwer. Erst um 1880 entwickelten die Siedler das "wood and canvas canoe", dessen Rumpf mit einem wasserdichten Stoff bespannt ist. Es besaß die Eigenschaften, die ein Kanu auch heute noch charakterisieren: Es ist tragbar, gut manövrierfähig und kippstabil. Ein Kentern, beteuert Lang, ist beim Kanufahren höchst selten. Und wenn: "Dann wird man halt naß."