Rindenboote

Unter allen Rohmaterialien, die die weiten Wälder Nordamerikas boten, war die Rinde der weißen Birke (Betula papyrifera) das wichtigste. Die Ureinwohner Nordamerikas verwendeten sie zur Herstellung von Wigwams, Schüsseln, Schachteln, Vorratsgefäßen, Babytragen und allerlei anderen Geräten. Hierfür wurde sie mit feinen Wurzeln zusammengenäht. Im Frühling abgezogene Birkenrinde läßt sich leicht biegen, falten und vernähen, während sie noch feucht ist. Sie ist sehr leicht und trotzdem stabil. Das enthaltene "Betulin" macht die Birkenrinde sehr dauerhaft und deshalb ist sie für den Bootsbau ideal.

Doch war dieser Bootstyp wirklich eine Schöpfung der Ureinwohner Nordamerikas? Betrachten wir die Bootsszene aus einem globaleren Blickwinkel, stoßen wir in Asien, vor allem in Ostsibirien, ebenfalls auf Birkenrindenkanus: Diese vor allem im Gebiet des Flusses Amur gebauten Kanus weisen eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Rindenkanus Westkanadas auf. Diese sind allerdings exakter verarbeitet, die Rippen stehen etwas enger und die Oberflächenbearbeitung ist hochwertiger. Einer Theorie zufolge paddelten die Erbauer dieser Boote ihr grob gebautes Kanu von Ostsibirien nach Nordamerika und weiter gen Osten.

Dort werden sie - einer umstrittenen Theorie zufolge - durch die Wikinger und deren hochentwickelte Bootsbaukunst beeinflußt. Diese waren viele hundert Jahre vor Christoph Kolumbus nachweislich in der "Neuen Welt" unterwegs. Tatsache ist, dass die Anordnung der Rippen und Planken nordamerikanischer Birkenrindenkanus, die aus dem östlichen Waldland stammen, den Langbooten der Wikinger sehr viel ähnlicher ist, als den Kanus aus Westkanada: Purer Zufall oder vorgeschichtlicher Kontakt der Völker?